Anamorphic Spirituosen Fotografie
Manche Fotos haben das gewisse Etwas.
Etwas, das man nicht sofort benennen kann — aber sofort spürt. Man scrollt nicht weiter. Man bleibt hängen. Man schaut nochmal hin.
Ähnlich wie ein Chefkoch jede einzelne Zutat, jede Textur, jeden Garpunkt bewusst wählt — wählen die Top of the Top Fotografen/Videografen jeden visuellen Bestandteil eines Bildes bewusst um eine perfekte Gesamtwirkung zu erzielen.
Nichts passiert zufällig. Nicht das Licht, nicht die Schärfe, nicht die Art, wie der Hintergrund sich auflöst.
Und einer dieser Bausteine kann Anamorphic sein.
Werbefoto für den Sprockhöveler Urwurz von der Brennerei Heinrich Habbel GmbH aufgenommen mit einem anamorphischen Objektiv
Was ist ein anamorphisches Objektiv?
Blade Runner, Interstellar, Lawrence of Arabia, Project Hail Mary haben alle etwas gemeinsam. Jap. Das Thema von dem Blog Post, sehr gut erraten!
Seit den 1950ern gibt es anamorphische Optiken. Ursprünglich für den Krieg entwickelt um eine breitere Sicht aus dem Panzer zu erhalten wurde die Technik für Filme eingesetzt, damit Leute aufhören Netflix auf einem Mini Fernseher zu glotzen und ins Kino zurück zu kehren.
Bei der Aufnahme wirkt das Bild in die Höhe gestreckt. (Wahrscheinlich ist das der Schlankheits Filter den ich mir nach einem Weihnachtsfamilien Festessen wünsche, wenn doch noch ein Gruppen Selfie gemacht wird)
Bei der Wiedergabe wird das Bild wieder auf seine volle Breite gestreckt. Das Ergebnis: das charakteristische Cinemascope-Format - das breite Kino Seitenverhältnis (2,4:1)
Was Anamorphic mit einem Bild macht
Aber Anamorphische Objektive können mehr als nur Bilder in die Breite ziehen. Sie machen noch was anderes mit dem Bild (und das ist eher der Grund weswegen man sich für ein anamorphisches Objektiv entscheidet)
Ovales Bokeh: Ellipsen anstatt Kreise im Hintergrund. Unschärfe wirkt je nach Squeeze Faktor unterschiedlich stark in die Höhe verzerrt.
Lens Flares (Streulicht): Strahlt eine Lichtquelle in die Kamera sieht man eine in die länge (horizontal) gezogenen Streifen. Klassisch ist hier ein blauer Lens Flare, wobei das von anderen Faktoren abhängig sein kann wie z.B. die Vergütung vom Objektiv.
In der Produktfotografie greift kaum jemand zu anamorphischen Objektiven. Die meisten Shots entstehen mit technisch makellosen, sphärischen Gläsern. Klar, scharf, kontrolliert. Das hat absolut seinen Platz. Aber manchmal ist „kontrolliert” nicht das, was ein Bild braucht.
Anamorphic Objektiv für die Produktfotografie - wann macht das Sinn?
Das Label des Sprockhöveler Urwurz von der Brennerei Habbel zeigt einen magischen Wald. Dunkel, verwunschen. Mit diesem Gefühl, dass zwischen den Bäumen irgendwas passiert, was man nicht ganz greifen kann. Kein Märchenwald aus dem Kinderbuch, eher der Wald, in dem Gandalf auftaucht und dir erklärt, dass du heute nirgendwo hingehst.
Genau das wollte ich ins Bild übersetzen. Und spätestens an diesem Punkt war klar, dass ein sphärisches Objektiv hier falsch gewesen wäre. Um die Magie von einem anamorphischen Objektiv mit “normalen” (sphärischen) Objektiven einzufangen, hätte ich mit mehr Diffusion Filtern und Nebel etc. arbeiten müssen, um eine ähnliche Wirkung zu erreichen.
Und das erste Ziel von einem Werbebild ist auffallen. Aus der Masse hervor zu stechen. Ein Funke an Ungewöhnlichkeit in dem Meer des bekannten zu sein.
Wie professionelle Fotografen Objektive für einen Auftrag auswählen: Technik vs Gefühl
Auch wenn ich anamorphische Objektive liebe – sie sind nicht für jeden Auftrag das richtige Werkzeug. Für einen cleanen Freisteller auf weißem Hintergrund greife ich zum scharfen Standardglas. Für ein Makro-Detail zum Makro-Objektiv. Für einen Imagefilm mit Stimmung zum Anamorphic.
Die Frage ist immer dieselbe: Was braucht dieses Bild – und welches Werkzeug bringt mich dorthin? Genau das ist der Unterschied zwischen einem Bild, das das Produkt zeigt, und einem Bild, das eine Geschichte erzählt.
Neben diesem Werbebild habe ich über 150 Produkte von der Brennerei Heinrich Habbel fotografiert. Neugierig wie man das kreativ und logistisch clever löst?
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Ein sphärisches Objektiv bildet das Bild direkt und unverzerrt ab. Ein anamorphisches Objektiv staucht das Bild bei der Aufnahme in die Höhe und erzeugt dabei charakteristische Eigenschaften wie ovales Bokeh und horizontale Lens Flares, die sphärische Objektive nicht reproduzieren können (außer mit Filtern)
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Ja! Aber, jedes Bild muss im Nachhinein entzerrt werden je nach Squeeze Faktor und ggf. je nach Fokus Distanz, da manche anamorphische Objektive unterschiedliche Squeeze Faktoren haben können bei der Naheinstellgrenze im Vergleich zu 1-2 Meter Abstand.
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Anamorphische Objektive verbindet man mit dem Begriff “cinematic” aus offensichtlichen Gründen. Es ist ein Objektiv das eigentlich für die Kinoleinwand genutzt bzw. gedacht ist. Neben der Objektivwahl gibt es mehr Faktoren die ein Bild als cinematic einstuft wie z.B. Licht, Komposition, Kameraperspektive und farbliche Bearbeitung von dem Motiv.
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Der Squeeze-Faktor gibt an, wie stark das Bild bei der Aufnahme in die Höhe gestreckt wird. 1,33x ist eher dezent, 2x ist der klassische Cinemascope-Look. Je höher der Faktor, desto ausgeprägter sind Bokeh-Verzerrung und Lens Flares. Bei dem Foto für den Sprockhöveler Urwurz Foto kam ein Objektiv mit dem Squeeze Faktor 1,6x zum Einsatz.
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Bis zu einem gewissen Grad ja – es gibt Presets und Plugins, die Lens Flares und ovales Bokeh imitieren. Mit sehr viel Arbeit kann das auch hervorragend ausschauen. Adobe Camera RAW oder Davinci Resolve haben Plug-Ins die diese Schärfe simulieren können. Hier ist nur die Frage ist der Aufwand in der Nachbearbeitung einfacher/schneller als in der Produktion bereits mit dem richtigen Objektiv zu fotografieren.

